Monographien

Arbeitstitel „Egalität, Aggression, Antisemitismus. Sozialpsychologische Fragmente zur Untersuchung der Judenfeindlichkeit“ (Vorbereitung zur Veröffentlichung)

Selbstrückbezügliche Individualität und rechtsextremer Autoritarismus. – Mit den Ausführungen über sozialen Zusammenhalt, Tötungsverbot, soziale Handlung und Grausamkeitsarbeit wurde der Grund gelegt, auf dem der Versuch unternommen werden kann, lebensweltliche Bedingungen anzugeben, die am Antisemitismus im Deutschland unserer Zeit die eigentümliche Polarisierung von krudem Antisemitismus und kollektiver Verneinung antisemitischer Dispositionen näher erklären könnte. Zu diesem Zweck wird an der Haltung zur historischen Vergangenheit des Nationalsozialismus, insbesondere der Übernahme von Verantwortung für die genozidalen Verbrechen an den Juden, verdeutlicht, daß der Zugang zu diesem Geschehen bisher in Schüben erfolgte. In ihnen wurde im Lauf der Zeit die kollektive Abwehr offenbar, mit der das Unerträgliche vergangener Beteiligung in nachfolgenden Generationen kaschiert wurde. Diese Abwehr ist bis heute nicht aufgelöst, sondern hat sich auf das Bild von einer Gesellschaft verschoben, an der vorzugsweise das Positive des Deutschen wahrgenommen wird.

Als Komplement dieses Verhältnisses zur Geschichte wird ein individueller Typus beschrieben, der selbstrückbezüglich handelt, aber die eingeschränkte Reflektierbarkeit der lastenden genozidalen Verbrechen begünstigt. Für ihn gilt, daß an der Not der Selbsterhaltung die Selbstbehauptung maßgeblich geworden ist. Vor dem Hintergrund des übergreifenden Verhältnisses von Unterordnung zu Macht, das insbesondere in der Arbeitssphäre erfahrbar wird, ergibt sich ein deutlicher Unterschied zum autoritären Charakter, der, Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entworfen, vielfach noch heute als Schlüssel zum Verständnis des Antisemitismus herangezogen wird. Selbstrückbezüglichkeit bedeutet, daß dieser Typus, der bedingungslos Selbstbehauptung anstrebt, eher an seiner Subjektivität Veränderungen vornimmt, als daß er seine Selbsterhaltung in Frage stellen würde.

Damit verschiebt sich das Problem des Gehorsams, das der autoritäre Charakter durch die Verlagerung seiner Aggression in den Schwächeren löst, in die instrumentalisierende Beeinflussung des eigenen Selbst zugunsten der Darbietung von Authentizität. Der egalitäre Charakter, der für kommunikative Interaktion kennzeichnend ist, wird Selbstzweck im Dienst der Selbstbehauptung. Normative Orientierungen treten hinter die Not der Selbstbehauptung zurück. Aggression wird in diesem durch Macht strukturierten Rahmen nicht als innerer Strukturkonflikt zwischen Ich und Überich bearbeitet. Für den selbstrückbezüglichen Typus wird vielmehr zum vorrangigen Problem, die Angst vor Vergeltung für eigene aggressive Impulse im Umgang mit dem Gegenüber erfolgreich zu zügeln. Im Zuge dessen wird „Menschenliebe“ zur Phrase und ihre Inszenierung zur Farce. Diese Entwicklung bereitet, so ist zu vermuten, neue Varianten des Antisemitismus vor.